Festrede zum 1. August 2026 von Stadtratspräsident Diego Clavadetscher zum Nachlesen
- Diego Clavadetscher

- 1. Aug.
- 4 Min. Lesezeit

Liebe Festgemeinde
Wir sind zusammengekommen, um unser Land zu feiern. Ein guter Moment, gemeinsam darüber nachzudenken, was unser Land eigentlich ausmacht.
Mir ist dazu das Volkslied «Kein schöner Land in dieser Zeit» in den Sinn gekommen. Viele von Ihnen könnten dieses Lied wohl aus dem Stegreif singen. Für alle anderen hier die ersten beiden Strophen:
«Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden wohl untern Linden zur Abendzeit. Da haben wir so manche Stund gesessen da in froher Rund und taten singen, die Lieder klingen im Eichengrund.»
Das Lied heisst zwar «Kein schöner Land». Es spricht aber nicht in erster Linie von Landschaften, sondern von Menschen, die zusammenkommen, die sich kennen, die füreinander da sind.
Sein Anfang ist eine einfache, aber starke Idee: Es gibt keinen schöneren Ort als den, an dem wir gemeinsam stehen. Nicht, weil dieser Ort perfekt wäre. Sondern weil wir ihn miteinander gestalten.
Tradition - das Weitertragen von Bedeutung
Wenn wir heute feiern, dann feiern wir auch unsere Traditionen. Sie sind nicht starr, nicht museal, sondern lebendig. Tradition bedeutet, dass wir etwas Wertvolles weitergeben – nicht als Pflicht, sondern als Angebot.
So wie in dem Lied die Menschen zusammenkommen, um miteinander zu singen, so kommen wir heute zusammen, um uns zu erinnern:
an die Werte, die uns gemeinsam geprägt haben,
an die Geschichten, die uns verbinden,
an die Verantwortung, die wir tragen.
Tradition ist kein Rückblick, sondern ein Band zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie sagt uns: Wir stehen nicht allein. Andere standen vor uns hier, und andere werden nach uns hier stehen.
Territorium - der Raum, den wir teilen
Das Lied spricht von einem Land, einem Ort, der uns Heimat ist. Es zeigt, dass ein Territorium mehr ist als Geografie. Es ist der Raum, in dem wir leben, arbeiten, streiten, feiern – und Verantwortung übernehmen.
Unser Land ist schön, klar. Aber seine Schönheit entsteht nicht alleine durch Berge, Flüsse oder Städte. Sie entsteht durch das, was wir daraus machen:
durch unseren Respekt vor unserer Natur,
durch unseren Respekt vor dem Eigentum und der Freiheit anderer,
durch unsere Bereitschaft, diesen Raum gemeinsam zu pflegen.
Richtig verstanden ist ein Staatsgebiet kein Besitz, sondern ein gemeinsames Versprechen. Ein Versprechen, dass wir diesen Ort nicht nur nutzen, sondern bewahren – für diejenigen, die nach uns kommen.
Gemienschaft - der Kern unseres Zusammenlebens
Doch der eigentliche Kern unseres Landes – und das ist die Hauptbedeutung des Ersten August – ist die Gemeinschaft.
In «Kein schöner Land» heisst es, dass wir uns «zusammenfinden» sollen. Das ist mehr als ein romantisches Bild. Es ist eine Aufforderung. Eine Erinnerung daran, dass Gemeinschaft nicht einfach aus dem Nichts entsteht. Sie wird gemacht – und zwar durch uns.
Gemeinschaft bedeutet:
dass wir einander sehen,
dass wir einander zuhören,
dass wir einander ernst nehmen.
Sie bedeutet, dass wir Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung begreifen. Dass wir Konflikte nicht meiden, sondern fair austragen. Dass wir Verantwortung nicht abschieben, sondern teilen.
Gemeinschaft ist somit kein vorgegebener Zustand, sondern eine tägliche Entscheidung ihrer Mitglieder.
Und gerade heute, an unserem Nationalfeiertag, wird sichtbar, wie stark diese Entscheidung sein kann. Wir stehen hier – Menschen verschiedener Generationen, Herkunft, Überzeugungen – und dennoch teilen wir etwas Grundlegendes: den Wunsch, dass dieses Land ein guter Ort bleibt. Für uns alle.
Gemeinschaft braucht Mut
Gemeinschaft verlangt manchmal Mut. Mut, auf andere zuzugehen. Mut, sich einzubringen. Mut, nicht nur zu fragen: «Was bekomme ich?», sondern auch: «Was kann ich beitragen?»
In einer Zeit, in der vieles schneller, lauter und manchmal auch rauer geworden ist, in einer Zeit in der der Individualismus überhandnimmt, braucht es Menschen, die Brücken bauen. Menschen, die nicht nur an sich denken, sondern an das Ganze. Menschen, die verstehen, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Je mehr solche Menschen in einer Gemeinschaft leben, desto besser geht es dieser Gemeinschaft. Wir alle haben das Potential, solche Menschen zu sein.
Gemeinschaft braucht Orte
Eine Gemeinschaft braucht Orte. Das Lied zeigt uns einen solchen Ort: Menschen, die sich versammeln, die miteinander singen, die sich «die Abendzeit» teilen.
Auch wir brauchen solche Orte – reale und symbolische:
Plätze, an denen wir uns begegnen,
Räume, in denen wir diskutieren,
Momente, in denen wir uns als Teil eines Ganzen fühlen.
Unsere heutige Bundesfeier ist einer dieser Orte. Ein Ort, der uns daran erinnert, dass Gemeinschaft nicht abstrakt ist, sondern konkret. Sie beginnt hier. Heute. Mit uns.
Gemeinschaft schafft Zukunft
Wenn wir heute feiern, dann feiern wir nicht nur das, was war, sondern auch das, was sein soll.
Wir wollen ein Land, in dem Menschen sich sicher fühlen. Ein Land, in dem Kinder Chancen haben. Ein Land, in dem ältere Menschen respektiert werden. Ein Land, in dem wir miteinander reden – und nicht übereinander. Ein Land, in dem wir uns nicht nur als Einzelne sehen, sondern als Teil einer gemeinsamen Geschichte und vor allem einer gemeinsamen Zukunft. Diese gemeinsame Zukunft liegt in unserer Hand, denn: Es ist die Zukunft, die wir gestalten können. Und die wir gestalten müssen. Das können wir aber nur gemeinsam.
Eine gemeinsame Feier, ein gemeinsamer Weg
In der ersten Strophe des Liedes heisst es, dass wir «in dieser Zeit» «uns finden» sollen.
Diese Zeit – das ist heute. Dieser Ort – das ist hier. Diese Gemeinschaft – das sind wir.
Das Lied beschreibt einen schönen Gedanken: Dass es keinen schöneren Ort gibt als den, den wir gemeinsam gestalten. Dass Tradition uns verbindet. Dass unser Territorium uns verpflichtet. Und – vor allem – dass Gemeinschaft uns stark macht.
Ich danke Ihnen allen, dass Sie heute hier sind. Ich danke Ihnen, dass Sie sich auch das Jahr über in die Gemeinschaft einbringen: Mit Ihrem Engagement, mit Ihrer Offenheit, mit Ihrem Mut.
Und ich wünsche uns deshalb allen einen Ersten August, der uns daran erinnert, wie wertvoll es ist, gemeinsam unterwegs zu sein.
Eine gemeinsame Feier, ein gemeinsamer Weg
Für dieses gemeinsame Unterwegssein haben wir die Gelegenheit, hier und jetzt, aber auch jeden weiteren Tag, etwas Verbindendes schaffen. Dazu müssen wir nur etwas Kleines wagen: als erster Schritt genügt eine Geste, die Gemeinschaft schafft. Vielleicht wünschen wir jemandem, den wir nicht kennen: «Einen schönen Ersten August.» Oder etwas mutiger: «Schön, dass ich den Ersten August gemeinsam mit Ihnen feiern kann.»
Ein solcher kleiner Gruss ist ein Bekenntnis zu einer gelebten Gemeinschaft und ein erster Schritt für mehr.
In diesem Sinne: Schön, dass ich den Ersten August gemeinsam mit Ihnen feiern kann.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag; geniessen Sie ihn in der Gemeinschaft von tollen und engagierten Menschen.
Diego Clavadetscher, Stadtratspräsident, 1. August 2026




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