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Beziehungsstatus: «kompliziert»?

Eine Art «Liebesbrief» an den Stadtrat – nach knapp anderthalb Jahren Mitgliedschaft in Langenthals Lokalparlament. Inklusive Zusammenfassung der wichtigsten Themen und Entscheide der Stadtratssitzung vom 11. Mai 2026.



Lieber Stadtrat


Wir beide – du und ich – das ist jetzt auch schon wieder rund eineinhalb Jahre her. Und weisst du was? Bis jetzt hatten wir eigentlich eine ziemlich gute Zeit zusammen.


Klar: Manchmal bringst du mich um den Schlaf. Manchmal weiss ich nicht so recht, wie du tickst. Manchmal diskutierst du stundenlang über Dinge, bei denen ich nach fünf Minuten denke: «Chöi mer jetz eifach entscheide?» Und manchmal zwingst du mich sogar dazu, gegen Leute aus den eigenen Reihen anzutreten.


Aber gleichzeitig bringst du mich auch zum Lachen. Du überraschst mich. Du zeigst mir immer wieder, dass Politik eben nicht einfach Schwarz oder Weiss ist – sondern oft irgendwo dazwischen stattfindet. Genau diesen überparteilichen Austausch mag ich besonders: wenn man sich zwar politisch misst, nach der Sitzung aber trotzdem miteinander lachen kann. Politik soll ernst genommen werden – aber sie muss nicht bierernst sein. Ich mag rhetorisch gewiefte Voten, pointierte Wortmeldungen und Menschen, die Haltung zeigen, ohne dabei den Humor zu verlieren. Und genau das macht unsere Beziehung wohl so spannend.


Die Sitzung vom 11. Mai war dafür ein Paradebeispiel.


Da war zum einen die Eishalle Schoren. Ein Thema, bei dem in Langenthal seit Jahren Emotionen, Hoffnungen und auch Enttäuschungen mitspielen. Früher träumte man im Hard von einem regelrechten Eistempel. Gross. Spektakulär. Vielleicht etwas zu gross. Am Ende blieb vor allem Ernüchterung zurück. Jetzt backen wir kleinere Brötchen – und vielleicht ist genau das der richtige Weg.


Denn das Projekt «Sanierung und Erweiterung Kunsteisbahn Schoren» wirkt vernünftig, bodenständig und trotzdem zukunftsgerichtet. Ja, die Finanzen der Stadt bleiben angespannt. Ja, wir müssen mit Steuergeldern sehr sorgfältig umgehen. Aber manchmal muss eine Stadt auch bereit sein, in etwas zu investieren, das Menschen verbindet. Nachwuchs, Schulsport, freier Eislauf, Vereine, Region. Mit 37 Ja-Stimmen bei 0 Gegenstimmen und 1 Enthaltung wurde nun die Kreditbewilligung für die Projektphase «Vorprojekt (+)» beschlossen – und damit eine weitere wichtige Hürde auf dem Weg zu einer realistischen Zukunft des Eissports in Langenthal genommen. Und irgendwie hatte ich an diesem Abend das Gefühl: Du willst vorwärts, lieber Stadtrat.


Dann das Abfallreglement. Ah, da wurde unsere Beziehung kurzzeitig wirklich kompliziert.


Plötzlich stand ich als Kleinunternehmer da und musste mich gegen einen Antrag stellen, eingebracht von der SVP und unterstützt von der FDP. Es ging um die Frage, ob Kleinstunternehmen bei den Grundgebühren entlastet werden sollen oder nicht. Für gewisse war der administrative Aufwand das grosse Problem. Für mich war klar: Wer tagtäglich versucht, ein kleines Geschäft am Laufen zu halten, weiss, dass manchmal eben jeder Franken zählt.


Und ja – ich gebe es zu – es fühlte sich schon etwas speziell an, gegen die eigene Fraktion und damit irgendwo auch gegen die bürgerliche Ratsseite im Gesamten sprechen zu müssen. Aber genau solche Momente machen Politik lebendig und authentisch. Umso mehr freute es mich, dass am Ende sogar Unterstützung aus den eigenen Reihen und aus der SVP kam. Der Antrag wurde mit 22 Nein- zu 16 Ja-Stimmen abgelehnt. Das Abfallreglement wurde genehmigt. Und ich ging an diesem Abend mit dem Gefühl nach Hause, dass Lösungen mit Augenmass eben doch möglich sind.


Fast schon romantisch wurde es dann bei den persönlichen E-Mail-Adressen für Mitglieder des Stadtrats. Ja, wirklich.


Vor einem Jahr haben wir die überparteiliche Motion eingereicht. Die Idee dahinter war simpel: Wer Volksvertreter ist, soll erreichbar sein. Direkt, persönlich, bürgernah. Nicht irgendwo hinter anonymen Formularen oder zentralen Sammeladressen versteckt.


Und jetzt kommt diese Lösung tatsächlich. Natürlich wurde nochmals gemäkelt. Vor allem über technische Details, Benutzerfreundlichkeit und die Frage, ob man die Mails künftig auch perfekt aufs private Handy synchronisieren kann. Typisch Stadtrat halt. Man diskutiert manchmal lieber über den Türgriff als über das Haus.


Dabei war das eigentliche Anliegen doch immer klar: mehr Bürgernähe und ein direkter Draht zwischen Bevölkerung und Politik.


Mit 34 Ja-Stimmen zu 3 Nein-Stimmen bei 1 Enthaltung wurde die Motion schliesslich abgeschrieben. Für mich als Hauptmotionär, Journalist und Kommunikationsmensch ist das natürlich ein schöner Erfolg. Weil Politik aus meiner Sicht genau dann funktioniert, wenn sie nahbar bleibt.


Und dann war da noch Smartvote. Eher die ruhige, unkomplizierte Seite unserer Beziehung. Ich war Mitmotionär – und freue mich ehrlich darüber, dass die digitale Wahlhilfe bei den Gemeindewahlen 2028 testweise eingeführt werden soll. Denn wenn wir wollen, dass sich mehr Menschen für Politik interessieren, dann müssen wir Hürden abbauen statt neue aufbauen. Politik darf verständlich sein. Transparent. Zugänglich. Davor habe ich keine Angst.


Lieber Stadtrat

Du bist manchmal chaotisch. Manchmal anstrengend. Manchmal erstaunlich emotional für ein Gremium voller Erwachsener hinter Laptops und Aktenbergen.


Aber ich merke immer stärker: Genau dieses lokalpolitische Parkett gefällt mir ausgesprochen gut.


Ich fühle mich pudelwohl hier. Weil man diskutieren darf. Weil man ringen darf. Weil man manchmal verliert – und manchmal Recht bekommt. Vor allem aber, weil man konkret etwas bewegen kann für die eigene Stadt und die Menschen, die hier leben.


Darum freue ich mich auf alles, was noch kommt zwischen uns beiden.

Auch wenn unser Beziehungsstatus wohl weiterhin lautet:«kompliziert».


 

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