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Jungbürger:innenfeier 2026 - Ansprache von Stadtratspräsidenten Diego Clavadetscher zum Nachlesen

vor 13 Stunden
4 Min. Lesezeit

Liebe junge Langenthalerinnen und Langenthaler

Heute feiern wir einen wichtigen Schritt. Ihr werdet in diesem Jahr CHEFS; CHEFS über unsere Stadt Langenthal, über unseren Kanton Bern und sogar über unser Land, die Schweiz.


Jetzt übertreibt er, werdet Ihr denken, wenn Ihr höflich seid. Wenn Ihr etwas mutiger seid, werdet Ihr denken, jetzt spinnt er.  Vielleicht – vielleicht habe ich aber doch recht:

 

Selbstverständlich seid Ihr nicht Chefin oder Chef im Sinne einer Alleinherrscherin oder eines Alleinherrschers über unser Land geworden. Das ist gut so, zu viel Macht in der Hand eines Menschen ist nie gut. 

Aber Ihr seid Mit-Chefin und Mit-Chef geworden. Ihr könnt mitreden und mitbestimmen, was bei uns passiert. Und das ist etwas Ausserordentliches, etwas was es – zumindest in diesem Umfang – nicht in vielen anderen Ländern auf dieser Welt gibt. 

Chefin / Chef ist man aber nur, wenn man diese Rolle auch ausübt. Dazu möchte ich Euch heute einladen. 


Vielleicht denken einige von Euch: Interessiert sich die Politik überhaupt für meine Meinung? Macht meine einzelne Stimme wirklich einen Unterschied?

Meine Antwort darauf lautet: Ja.


Ich habe es bereits gesagt: Bei uns in der Schweiz haben Bürgerinnen und Bürger besonders viele Möglichkeiten, politische Entscheidungen direkt zu beeinflussen. Wir wählen nicht nur alle paar Jahre Personen in ein Parlament oder in den Gemeinde- oder Regierungsrat. Wir entscheiden regelmässig über konkrete Fragen, auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene.


Dabei geht es nicht nur um abstrakte Politik. Es geht um Themen, die Euren Alltag bestimmen: um die Qualität der Schulen, um die Höhe der Steuern, um den öffentlichen Verkehr, um Kultur- und Freizeitangebote, um den Schutz unserer Umwelt, und um viele andere Fragen, wie wir unser Zusammenleben gestalten.


Sollen wir bei diesen Fragen mitreden wollen? Auch hier lautet meine Antwort: Ja, denn politische Beteiligung bedeutet bei der eigenen Zukunft mitzureden. 


Selbstverständlich, und das weiss ich aus eigener Erfahrung bestens, bedeutet dies nicht, dass Ihr mit Eurem Anliegen oder Eurer Meinung immer gewinnen werdet. Demokratie bedeutet nicht, dass man sich immer durchsetzt. Demokratie bedeutet, dass unterschiedliche Meinungen gehört, öffentlich diskutiert und schliesslich gemeinsam entschieden werden. Wer sich beteiligt, gewinnt deshalb nicht jede Abstimmung. Aber wer sich nicht beteiligt, überlässt die Entscheidung vollständig den Anderen. 


Was bedeutet politische Mitwirkung? 


Zunächst einmal bedeutet es, sich aktiv und gut informiert an Abstimmungen und Wahlen zu beteiligen. 


Aber: Politische Mitwirkung beginnt nicht erst, wenn es um das Ausfüllen eines Stimmzettels geht. Sie beginnt viel früher, nämlich dort, wo Ihr Euch informiert, Fragen stellt und mit anderen Menschen diskutiert. 


Politische Mitwirkung lädt ein, sich zu engagieren. Wo, d.h. in welchem Bereich, Ihr Euch engagiert ist erstmal egal. Es braucht Euch an vielen Orten: Ihr könnt Euch in einem Verein – bspw. in einem Sport- oder einem Musikverein – oder einer Jugendorganisation oder einer Partei oder einer anderen Interessengruppe engagieren. Ihr könnt Euch für ein lokales Projekt einsetzen, aber auch eine Petition unterstützen oder selbst eine Idee lancieren.


Politik – das tönt auf den ersten Blick abgehoben, etwas was nichts mit mir zu tun hat. Ich lade Euch ein, etwas anderes zu entdecken: 

Politik beginnt, sobald Ihr Eure vier Wände verlässt. Das Einzige was Ihr tun müsst: Interessiert Euch für unsere Gemeinschaft. 


Wenn Ihr die Sache so anschaut, werdet Ihr entdecken, dass Politik nicht nur im Bundeshaus oder in einem Parlament stattfindet. Politik geschieht hier, direkt vor Eurer Haustür. Sie zeigt sich auf dem Schul- oder Arbeitsweg, im Jugendtreff, auf dem Sportplatz, bei der Gestaltung öffentlicher Räume und bei Angeboten für junge Menschen. Sobald mehrere Menschen etwas gemeinsam auf die Beine stellen wollen, ist dies bereits eine politische Handlung. 


Mit einer politischen Haltung, könnt Ihr also Euer eigenes Umfeld gestalten. Das ist doch schon etwas. 


Politik ist aber mehr: Ihr gestaltet gleichzeitig auch das Umfeld und die Zukunft von anderen Menschen mit. Und auch das ist gut und wichtig. 


Denn – unsere Demokratie ist darauf angewiesen, dass jede Generation ihre eigenen Erfahrungen und Perspektiven einbringt. Eure Generation kennt Herausforderungen, die frühere Generationen nicht in gleicher Weise erlebt haben: den digitalen Wandel, den Umgang mit sozialen Medien, neue Formen der Arbeit und Ausbildung. 


Ihr – wer denn sonst – könnt die langfristigen Folgen heutiger Entscheidungen am besten abwägen, schliesslich seid auch Ihr es, die am längsten mit den Folgen dieser Entscheidungen leben müsst.


Ich bin überzeugt: Ohne Euren Beitrag wird es unsere Gesellschaft verpassen, die richtige Kurve zu nehmen. Deshalb braucht unsere Gesellschaft Eure Sichtweise. 


Ich betone: Eure Meinung ist wichtig. Aber: Eure Meinung kann aber nur berücksichtigt werden, wenn Ihr Euch beteiligt. 


Niemand erwartet von Euch, dass Ihr zu jeder Vorlage sofort eine fertige Meinung haben. Politische Beteiligung bedeutet auch, zuzuhören, Unsicherheiten auszuhalten und die eigene Haltung weiterzuentwickeln. Entscheidend ist nicht, dass Ihr immer recht habt. Entscheidend ist, dass Ihr bereit seid, mitzudenken und Verantwortung zu übernehmen. Das alles ist manchmal anstrengend. Als Ältester hier in diesem Raum kann ich Euch aber eines versichern: Es lohnt sich. 


Ich möchte Euch deshalb heute zu vier einfachen Dingen einladen:

Informiert Euch. 

Bildet Euch eine eigene Meinung. 

Nutzt Eure politischen Rechte. 

Und vor allem: Engagiert Euch für unsere Gemeinschaft


Tut dies nicht, weil jemand es von Euch verlangt. Tut es, weil Ihr wisst, dass die Entscheidungen von heute Euer Leben von morgen prägen und es blöd wäre, wenn Ihr Euch an dieser Entscheidfindung nicht beteiligen würdet.


Die Demokratie ist kein fertiges Gebäude, das einfach bestehen bleibt. Sie lebt davon, dass Menschen eintreten, miteinander sprechen und gemeinsam daran weiterbauen.


Liebe Jungbürgerinnen und Jungbürger, Ihr seid in diesem Jahr nicht nur volljährig geworden. Ihr seid zu vollberechtigten Mitgestalterinnen und Mitgestaltern unseres Gemeinwesens geworden, eben zu Chefinnen und Chefs. 


Nutzt die Möglichkeiten, die sich aus dieser Beförderung ergeben. Bringt Eure Ideen, Eure Kritik und Eure Hoffnungen in das politische Leben unserer Stadt, unseres Kantons und unseres Landes ein. Unsere Demokratie braucht Eure Meinung, und unsere gemeinsame Zukunft braucht Eure Beteiligung.


In diesem Sinne: Ich gratuliere Euch herzlich zur Volljährigkeit und wünsche Euch für Euren persönlichen, beruflichen und politischen Weg alles Gute.


Diego Clavadetscher, Stadtratspräsident, 16. Oktober 2026

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