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Langenthal als Wohn- und Lebensort

Warum ich in Langenthal bleibe - Ein Gastbeitrag von Katharina Nyffenegger-Arbenz



Als Jugendliche war «Langenthal» für mich nichts anderes als eine Marke auf der Rückseite der Sonntags-Teller. Eines Tages verschlug es mich dann als Stadtbernerin an diesen merkwürdigen Ort, damals noch ein Dorf, wo ich mich über viele mir unbekannte Besonderheiten wundern musste.

Gleich als erstes wurde mir von berufener Seite mitgeteilt, was man als ehrenwerte Person und Mitglied einer angesehenen Familie tun durfte und vor allem was nicht. Entscheidend war, wo man «gesehen» wurde und was «die Leute» sagen würden. Man durfte nicht gesehen werden in der «Zänti-Bar», die Bar oben an der schönen geschwungenen Treppe im Kaufhaus «Zentrum», wo sich gewisse Herrschaften aufzuhalten pflegten. Man durfte nicht gesehen werden in der «Spanischen Weinhalle», ein ganz verruchter Ort. Und man durfte nicht gesehen werden in der Migros, ein besserer Tante-Emma-Laden an der unteren Marktgasse. Man schickte das Dienstmädchen. Es gab feste Regeln und unumstössliche Ansichten.


Im Winter herrschte oft so dicker Nebel, dass ich fürchtete, mich im Dorf zu verirren. Das Hochwasser verwüstete unseren Keller. Wenn sich dann endlich der Vorfrühling bemerkbar machte, drehten die Langenthaler in meiner Wahrnehmung völlig durch. Sie verkleideten sich, bauten abenteuerliche Wagen und tröteten mit ohrenbetäubender Katzenmusik durch die Strassen. Wenn man in Bern den Vorfrühling spürt, sitzt man kurz auf die Bundesterrasse und schaut am Münsterturm vorbei auf die Alpen. Die Fasnacht war für mich eine chaotische, nicht nachvollziehbare Veranstaltung.


Als mir dann noch von drei verschiedenen Seiten mitgeteilt wurde, man habe mich im Dorf mit dem Kinderwagen und roten (!) Schuhen gesehen, da fragte ich mich ernsthaft, wie lange ich es in diesem Nest wohl aushalten werde.


Inzwischen habe ich viel gelernt. Ich habe gesehen, mit wie viel Herzblut und freiwilligem Engagement hier Kultur gemacht und gelebt wird. Ich habe erfahren, wie viel in all den Vereinen und Organisationen geleistet wird für Kinder, Jugendliche und Senioren. Ich habe festgestellt, dass man hier ausserordentlich freundlich miteinander umgeht. Ich habe gemerkt, mit welcher Leidenschaft schon nach den Sommerferien für die Fasnacht geplant, geübt, genäht, gemalt wird. Es wurde mir bewusst, welch riesiges kreatives und soziales Potenzial diese Tradition hat. Mit Staunen merkte ich, dass sich hier eine archaische, urmenschliche Lebensfreude ausdrückt, die uns nüchternen Stadtbernern von fünfhundert Jahren von den Anhängern Zwinglis gründlich ausgetrieben worden war. Und ich habe mit einigem Erstaunen bemerkt, dass man beim Einsteigen in den Bus die Leute und den Chauffeur grüsst.


Aus dem beschaulichen Dorf ist eine Stadt geworden. Einiges ist verloren gegangen, aber vieles ist entstanden. Wir haben gute Schulen, ein grossartiges Kulturangebot mit Kunsthaus, Museum, Theater, Konzerten, Kino und Bibliothek. Wir haben angesagte Ort, wo Jugendliche sich treffen und austoben können. Wir haben ein gutes Spital. Wir haben eine wunderschöne Badi. Wir haben bald einen gepflegten Bahnhof mit einem edlen Treppengeländer. Wir haben den herrlichen Wochenmarkt. Wir haben kein Hochwasser mehr. Und wir haben vor der Haustüre die wunderbarsten Wandergebiete. Wir haben sehr vieles, was uns ein glückliches Leben ermöglicht, wenn wir es nutzen. Was wir leider (noch) nicht haben, sind unter anderem ein Hallenbad, überregionale Sportanlagen und wasserdichte Kindergärten. Was wir aber haben, sind engagierte Politikerinnen und Politiker, die mit den begrenzten Mitteln das Beste für uns anstreben.


Natürlich zieht es mich immer noch mindestens einmal pro Woche nach Bern, ab und zu ins Ausland und in andere Grossstädte.  Wenn ich bei der Rückkehr am Bahnhof den Bus besteige mit einem fröhlichen «Grüessech mitenand», dann bin ich wieder in Langenthal und da werde ich auch bleiben.

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